Enschede – Die Entwicklung ist alarmierend: In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Infektionen, die durch Antibiotika-resistente Bakterien verursacht wurden, (laut Jones, Nature 451) zugenommen.

Prof. Dr. Lisette van Gemert-Pijnen erhält Fördermittel, um die Forschung auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten voranzutreiben. Foto: © MediamaxxAußerdem treten immer neue Infektionskrankheiten auf, bei denen es zu einer Übertragung von Tier auf Mensch kam. Beispiele hierfür sind HIV, Sars, MRSA und die Vogelgrippe. Für die Forschung auf diesem Gebiet erhält E-Health-Professorin Lisette van Gemert-Pijnen von der Universität Twente nun erhebliche Fördermittel. Ziel ist es, die grenzüberschreitende Sicherheit der Gesundheitsversorgung in Deutschland und den Niederlanden zu stärken.

Um Infektionskrankheiten zu bekämpfen, sind die beiden Interreg-Projekte EurHealth-1Health und Health-i-care gestartet. An beiden Projekten beteiligen sich rund 50 Parteien aus Wissens- und Gesundheitseinrichtungen sowie 30 kleinere und mittlere Unternehmen. Leiter beider Projekte ist Prof. Dr. Alex W. Friedrich , der auch Leiter der Abteilung für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Groningen ist.

Die Universität Twente ist eine der größten Parteien des Projektes. „Mit unserer Erfahrung wollen wir einen wesentlichen Beitrag leisten zum Thema Infektionen, die durch bestimmte resistente Mikroorganismen (BRMO) verursacht werden, und zum Vorkommen von Antibiotikaresistenzen bei Mensch und Tier“, sagt Wisenschaftlerin van Gemert-Pijnen.

Von den Fördermitteln in Höhe von 11,9 Millionen Euro für beide Projekte geht ein erheblicher Teil in den nächsten vier Jahren an die Enscheder Hochschule. Prof. van Gemert-Pijnen: „Minister Schippers und der Vorstand haben bei der Provinz Overijssel erläutert, dass das Thema insbesondere in dieser Region eine große Aufmerksamkeit benötigt. „In Twente ist das Risiko solcher Infektionen aufgrund der intensiven Landwirtschaft hoch, und wir haben es mit einer relativ großen Gruppe von gebrechlichen älteren Menschen zu tun. Darüber hinaus grenzen wir an Deutschland – auch hier gibt es intensive Viehhaltung.“

Das Projekt beschäftigt sich mit einer der größten Herausforderungen der Gesundheitsversorgung: der Vorbeugung von Infektionen, die nicht mehr mit Antibiotika zu behandeln sind. Dafür ist es notwendig, die komplette Entstehungsgeschichte von Antibiotika-Resistenzen zu durchleuchten. Dies ist nur mit einem integrierten Konzept möglich, denn Gesundheit von Mensch und Tier sind direkt miteinander verbunden und sie wird durch die Umwelt beeinflusst. Die gemeinsame Aus- und Weiterbildung in den Bereichen Gesundheit, Veterinärwesen und Landwirtschaft sind daher von großer Bedeutung.

Die Fakultät BMS der Uni Twente unterstützt den sektorübergreifenden Entscheidungsprozess. Zwei Doktoranden werden in den nächsten Jahren auf der Basis von Daten über Infektionsausbrüche und Umwelt Entscheidungsmodelle für Pflegebeteiligte entwickeln. Dadurch sollen proaktive, zielgerichtete Aktivitäten ermöglicht werden. Als Beispiel kann das Ausbrechen von MRSA in Pflegeheimen, Krankenhäusern und bei der Landwirtschaft dienen.

„Forscherkollegen von der Fakultät ITC (Geoinformationswissenschaft und Erdbeobachtung) verfügen über große Erfahrung bei der Entwicklung von Prognosemodellen auf Basis von Geodaten”, erläutert van Gemert-Pijnen. Darüber hinaus verfüge die Fakultät EWI (Elektrotechnik, Mathematik und Informatik) über die Möglichkeiten, Mobilitätsdaten mit Sensortechnik zu analysieren. „Zusammen mit unseren Erkenntnissen aus der Verhaltensforschung kann dieses Wissen in einer benutzerorientierten technologischen Unterstützung gebündelt werden. Für die Entwicklung der Technologie arbeiten wir mit den Nutzern des Systems zusammen. Künftig können die Pflegekräfte in Echtzeit über das Infektionsrisiko informiert werden. Big-Data basierte, spezifische Beratungen ermöglichen entsprechende Entscheidungen.“

Das Health-i-care Projekt hat das Ziel, die Zusammenarbeit bei „Wissen – Pflege – Unternehmen“ zu stärken, um BRMO-Infektionen und Antibiotikaresistenzen vorzubeugen. Deutsche und niederländische Experten aus Industrie, Wissenschaft und dem Gesundheitswesen haben daher innerhalb des Projektes Health-i-care ihre Kräfte gebündelt.
Die Uni Twente fungiert als Wissenspartner für (Spin-off-)Unternehmen, sowohl in der ersten Phase der Entwicklung von Innovationen als auch beim Einbringen von E-Health-Dienstleistungen und -Produkten auf den Markt”, berichtet van Gemert-Pijnen.

Bei der Umsetzung bauen sie auf dem grenzüberschreitenden Netzwerk auf, das in den vergangenen acht Jahren in früheren Projekten (MRSA-net; EurSafety) mit Universitäten, Krankenhäusern, Pflegeheimen und der hausärztlichen Versorgung aufgebaut wurde.

E-Health wird an der Uni Twente durch Kurse in Psychologie, Gesundheitswissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Biomedizinische Technik und Technische Medizin abgedeckt. Neu ist der Master-Kurs „Monitoring und Persuasives Coaching”, eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Gesundheitspsychologie (BMS), EWI und Gesundheitswissenschaften. Die Studenten sollen mit realen Daten aus beiden Projekten arbeiten und sie bei persuasivem Coaching für Entscheidungen umsetzen.

Laut Prof. Dr. van Gemert-Pijnen ist das Interesse an Geo-Health an der Enscheder Universität relativ neu. Sie arbeitet in diesem Bereich eng mit Forschern aus den Fakultäten ITC und EWI sowie mit Wissenschaftlern von der University of Waterloo (Kanada). Eine zentrale Frage ist, wie Daten aus dem Monitoring von Infektionen, Verhalten oder Mobilität in ein personalisiertes persuasives Coaching-System zu übertragen sind. Personalisiert bedeutet, dass der Endbenutzer im Mittelpunkt steht. [Artikel auf Westfälischen Nachrichten]

Quelle: © Westfälische Nachrichten